Es begab sich eines Tages, dass ein Mann Mitte 50 einen Herzinfarkt hatte. Doch damit nicht genug, war es so, dass da gleich noch ein zweiter folgte und obendrein bei der Reparatur der Herzkranzgefäße auch noch das Herz angebohrt wurde.
Der Mann kämpfte tapfer, so dass er wieder aufwachte. Die Prognose der Ärzte war nicht sonderlich gut und sie sagten ihm, dass das Jahr direkt nach dem Vorfall das Schwierigste wäre. Er machte eine Kur die ihn tatsächlich mehr schlecht als recht wieder auf die Beine brachte. Aber er lebte noch.
Bei der Erholungskur riet man ihm, sich als Behinderten eintragen zu lassen. Denn die Rente, die er bekommen wird, ist nicht sonderlich üppig und reicht für ein Dach über den Kopf und trocken Brot und dünne Suppe. Aber mit täglich Fleisch und Braten mit bisschen Gemüse wird’s wohl nichts.
Da zählt also jeder Cent, der gespart werden kann und jede kleine Hilfe. Weil er ja schon seit Jahrzehnten in die große Kasse eingezahlt hatte, stünde ihm das selbstverständlich auch so zu. So beantragte er einen Grad der Behinderung. Das war am Ende des Winters im März, als die ersten Knospen den Frühling ankündigten.
Der Frühling kam und ging. So wie der Sommer mit den wärmenden Strahlen der Sonne. Und es kam der Herbst, der die Blätter bunt anmalte und von den Bäumen fegte. Was nicht kam, war der Bescheid vom Amt mit dem Grad der Behinderung.
Hin und wieder hat er sich gefragt, was das Amt so macht. Dann kam er auf die wahnwitzige Idee, da mal anzurufen. Wenn die Mitarbeiter dort mal rangingen, was nicht so oft stattfand, waren diese sehr freundlich. Immer gaben sie ihm bereitwillig Auskunft, wie der Stand der Dinge gerade war.
Beziehungsweise der Stand von vor sechs Wochen.
Du fragst Dich jetzt bestimmt, wie ich auf die sechs Wochen komme. Nun, das hat der gute Mann gemessen. Und zwar mit seinem Kalender und einfacher Mathematik. Er hat ja gewusst, wann er selbst oder ein Arzt ein Schreiben mit der Post abgeschickt hat. Wohlwollenderweise gab er der Post zwei Tage Zeit für die Zustellung.
Okay, beim ersten Mal war das besonders krass. Da hatte er aber auch noch keine Ahnung. Weil er dem Amt vertraute (was für eine verwegene Idee), befolgte er den Rat des Amtes und störte den Betrieb nicht, indem er anrief. Davon wurde nämlich dringend abgeraten, um den Ablauf nicht zu stören. Weil er aber zu Beginn des Sommers noch immer gar nichts gehört hatte, macht er den ersten Versuch für einen Anruf. Nach dem fünften Versuch hatte er tatsächlich jemanden an der Strippe beziehungsweise dem Telefon. Man versicherte ihm, dass sein Antrag eingegangen sei und man ihm sofort eine Bestätigung schicken würde. Es vergingen 6 Wochen. Der gute Mann wollte gerade wieder einen Anrufversuch starten, da geschah dieses kleine Wunder des Posteingangs. Er hat die Bestätigung bekommen. Für den Eingang seines Antrages. Nach fabelhaften drei Monaten!
Er war fast euphorisch ob dieses kleinen Wunders und hoffte das jetzt alles zügig hintereinander ging. Und tatsächlich. In den Wochen, die folgten bekamen alle Ärzte Post vom Amt. Natürlich mit einem Fragebogen auf Papier! Und ausnahmslos beeilten sie sich ihm die frohe Kunde zu verkünden und füllten zügig die Antworten für das Amt aus. Und sie schickten alles ganz zügig ans Amt….
Und nichts geschah…
Als er vier Wochen später beim Amt anrief und endlich durchkam, war angeblich noch nichts da. Verzweifelt rief er bei seinen Ärzten an und fragte, ob da was schief gegangen sein könnte. Aber nein, alle hatten Ihre Aufgaben mit Gründlichkeit und der gebotenen Eile erledigt. Sie kannten den Mann und seine Lage gut und wissen um das kritische erste Jahr nach der Wiedergeburt. Und auch wenn das die Post jetzt nicht wusste, es war sehr unwahrscheinlich, dass die Post alle Briefe von Ärzten plötzlich verschwinden lassen hat.
Ganz langsam zweifelte er ob er im 21. Jahrhundert lebt oder vielleicht das Internet abgeschafft wurde. Denn angeblich sollte ja an den Ämtern jetzt alles viel schneller gehen. Da werden neue Stadtforen komplett digitalisiert aus dem Boden gezaubert. Dort gibt es kein Papier mehr! Und die Regierung baut sich sogar ein neues, total effizientes Digitalmonisterium. Das kann doch so nicht wahr sein!
Und so fing er an, auf schelmische Art Fragen zu stellen. Er war jetzt felsenfest davon überzeugt, dass das alles nur ein Schildbürgerstreich sein kann. Immerhin war das Internet nicht abgeschaltet und im Kalender stand immer noch, dass wir am 21. Jahrhunderts sind. Es musste also etwas anderes sein.
Also schaute er nach, wann die Briefe so abgeschickt wurden und rief jetzt öfter an. Also er versuchte es. Oft. Denn inzwischen hatte das Amt auch die Öffnungszeiten verkürzt. Selbstverständlich nur deshalb, damit der Ablauf nicht gestört wird. Da hat man natürlich totales Verständnis!
Er tat jetzt etwas, was Forschern zu eigen ist, die in den Urwald gehen und wilde Tierarten erforschen. Er führte Buch. Er schrieb auf, wann was losgeschickt wurde und ab wann er eine Antwort bekommt. Er führte Buch wie ein penibler Beamter. Und siehe da, es gab ein Muster. Immer ungefähr sechs Wochen nachdem was abgeschickt wurde, erschien es beim Beamten auf dem Bildschirm, vor dem er den lieben langen Tag saß.
Das kam ihm natürlich sehr komisch vor, weshalb er sich dachte, dass er mal nachfragen kann. Und so rief er wieder mal beim Amt an und stellte einfach eine Frage:
Ich denke bei ihnen ist alles digitalisier! Warum dauert das jetzt alles so lange, das schreiben wurde vorletzte Woche abgeschickt und sie haben es immer noch nicht vor sich. Ich denke Sie haben Digitalisierung?
Er erwartete jetzt eine doch etwas kompliziertere Antwort auf diese komplexe Frage. Aber die Antwort des Beamten war verblüffend einfach:
Wegen der Digitalisierung! Jedes Schreiben, was wir bekommen, muss eingescannt werden. Und dort gibt es einen Bearbeitungsstau von 6 Wochen. Für das Scannen gibt es keinen speziellen Mitarbeiter, der das macht, sondern wir müssen das selbst machen. Zusätzlich. Wenn sie also vor 14 Tagen ein Schreiben an uns geschickt haben, dann dauert das jetzt noch 4 Wochen, bis ich es habe und bearbeiten kann.
Meiner Einer war sehr verblüfft ob dieser Antwort. Der Bearbeitungsstau ist nicht trotz Digitalisierung, sondern wegen der Digitalisierung. Das muss man erst mal hinbekommen. Aber damit ist der Schildbürgerstreich noch nicht richtig komplett. An anderer Stelle habe ich erfahren, dass das, was man digital sendet, nochmal eingescannt werden muss. Das ist sozusagen doppelt gemoppelt. Ich habe jetzt auch erst mal keine Fragen mehr. Aber wir werden alle schneller…
